Bilder: factum/Granville, Toppel, Lichtgut/Rettig, Piechowski und Willikonsky

Die Bibel hat recht: Die Letzten werden die ersten sein. Das abgewandelte Zitat aus dem „Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg“ heißt bezogen auf die Restaurantkritiken in unserer ­Zeitung: Der letzte Test des Jahres 2018, ­erschienen am 27. Dezember, ist in der Bewertung auf die Position eins der Tabelle geklettert.

René Richter in seinem Lokal

Somit hat das Richter’s Fine ­Dining sogar Restaurants überholt, die mit einem Stern des „Guide Michelin“ ausgezeichnet sind. Weil die Tester unserer Zeitung das Preis-Leistungs-Verhältnis in die Wertung mit einfließen lassen, kann es eben sein, dass auch nicht ganz so hochklassige Lokale vier oder mehr Sterne und hochpreisige Lokale nicht automatisch fünf Sterne erhalten.

Das Richter’s ist beides – hochklassig und hochpreisig –, dennoch hat unser Tester zu zweit nicht mehr als 110 Euro (ohne Dessert) für Fischspezialitäten ausgegeben, weil die Portionen üppig sind und sich manche Gerichte gut teilen lassen. Anders positioniert sich das Olivo im Hotel Graf Zeppelin. Dort hat unser Tester 223 Euro alleine gezahlt, davon 154 Euro für fünf Gänge, alle sieben des Menüs kosteten 189 Euro – aber das hat sich gelohnt! Anton Gschwendtner, der seit Juli 2018 neuer Küchenchef ist, arbeitet mit Spitzenprodukten wie Toro vom Balfego-Thunfisch und edelschimmelgereiftem Luma-Beef, die er konzentriert und japanisch inspiriert zubereitet.

Anton Gschwendtner und Sommelier Philipp Berg im Olivo

Nico Burkhardt im Pfauen

Sein Vorgänger im Olivo war Nico Burkhardt, der sich im Schorndorfer Pfauen den Traum von der Selbstständigkeit erfüllt hat. In seinem Hotel gibt es ein Restaurant mit 50 Plätzen und ein Gourmetzimmer für gerade einmal acht Gäste. „Was er dort serviert, ist nach wie vor großartig“, schwärmte unser Kritiker von den fünf Gängen für 106 Euro mit unter anderem Gänseleber, Wachtelbrust, Kabeljau und Rehrücken.

Das dritte Sternerestaurant, das 2018 für unsere Zeitung getestet wurde, ist die Speisemeisterei, die im Frühjahr unter dem Patron Frank Oehler Insolvenz anmelden musste. Um zu prüfen, ob die finanziellen mit kulinarischen Problemen zusammenhängen, sind wir damals, wie immer inkognito, hin, um uns selbst ein Bild zu machen. Fazit: „Man speist ausgezeichnet und sitzt in einer traumhaft schönen Kulisse.“ Die Insolvenz ist inzwischen abgewendet, weil Jochen Bayer und Alexander Scholz das Restaurant in Schloss Hohenheim übernommen haben. Küchenchef ist weiterhin Stefan Gschwendtner, weder verwandt noch verschwägert mit Anton Gschwendtner.

Küchenchef Stefan Gschwendtner in der Speisemeisterei

Arnold (links) und Gerhard Nölly im Hasen

Gerhard Nölly hat einst in der Speisemeisterei gekocht wie auch in einigen anderen Sternerestaurants in seinen Wanderjahren. Längst aber ist er in den Hasen in Herrenberg heimgekehrt, den er jetzt mit seinen Geschwistern von den Eltern übernimmt. Das Restaurant in dem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert ist nach der Renovierung im Sommer so modern wie die Küche, von deren „fast sternewürdigen“ Vorspeisen der Tester begeistert war, aber auch vom Rostbraten, „perfekt medium nach traditionellen Maßstäben“. Das alles zu sehr fairen Preisen, die zu viereinhalb Sternen für die Küche führten. Auch ein Italiener hat es in die Top 10 geschafft – Francesco Romeo mit seinem Ristorante in Remshalden. Die Wartezeit aufs Essen beim Testbesuch war zwar etwas lang, dafür freute sich die Kritikerin über „Klassiker, die man selten bekommt“ wie die Caponata. Auch saftige Venusmuscheln und butterzartes Rinderfilet kamen sehr gut an.

Ausgefallen italienisch im Romeo in Remshalden

Julian Veigel aus dem Finch

„Ein Ort für stille Genießer“ ist das ­Restaurant Finch im Waldhotel Stuttgart. Dort gibt es in Julian Veigel einen neuen ­Küchenchef, der sich undercover unter die Gäste mischte, um zu hören, was die außer Rostbraten und Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat so wollen: „Leichte Gerichte mit deftigem Touch“ wie zum Beispiel die getesteten Wolfsbarschfilets, die ohne Sättigungsbeilage auskamen, dafür aber von spannend inszeniertem Gemüse begleitet wurden. Ebenso gut bewertet haben unsere Tester die österreichische Küche im Kaiser und Schmarrn sowie das Pop-up-Restaurant Relish x Gaiser. Zwischen den Adressen im Bohnenviertel und an der Hohenheimer Straße gibt es eine Verbindung, denn Sebastian Gaiser war der Kompagnon von Marcel Jetter im Kaiser und Schmarrn, ehe er ein neues Konzept mit aus der Taufe hob, das es vielleicht nur noch wenige Wochen gibt. Dann könnten Wohnungen aus dem Restaurant an der B 27 entstehen.

Sebastian Gaiser und Marcel Jetter zunächst noch gemeinsam im Kaiser und Schmarrn . . .

. . . Gaiser wecheselte ins Relish x Gaiser

Mit dem Stadtbesen schließlich ist eine Location in den Top 10 des Jahres 2018, die kein Restaurant ist, sondern eine „schwäbische Enoteca“, wie die Autorin schrieb. Sie vergab deswegen nicht für die Küche, sondern für die Weinauswahl vier Sterne. „Allein 13 Rieslinge, 14 Lemberger und 15 Cuvées aus der Region Stuttgart und dem Unterland stehen auf der Karte“, stellte sie bei ihrem Besuch fest. Da verzieh die Testerin gerne das „wenig einfallsreiche“ Essen wie Käseplatte, Salami oder Oliven dazu. Außerdem: Für eine ordentliche Grundlage vor der Weinverkostung kann man nicht nur nebenan beim Paulaner, der ebenfalls von Birgit Grupp betrieben wird, sondern auch sonst in der Calwer Straße fündig werden, die sich 2018 immer mehr zum Hotspot für Foodies entwickelt hat.

Birgitt Grupp im Stadtbesen in der Calwer Straße

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