Bilder: Hess/Rudel/Stoppel/Kuhn

100 Punkte für einen württembergischen Sekt, mehrere Betriebe in der Weltklasse, generell viel Lob für die Wengerter: Der Trend zu fast euphorischen Bewertungen stößt allerdings nicht überall auf Begeisterung – ein kleiner Überblick über die Beurteilung der Region in den vier wichtigsten deutschen Weinführern „Gault&Millau“, „Eichelmann“, „Vinum“ und „Falstaff“. Hansjörg und Matthias Aldinger (siehe Bild oben) warn in jedem Fall unter den am besten bewerteten Betrieben.

„Es scheint, dass man als Weinkritiker zu einer aussterbenden Spezies gehört und dass wir uns bald neben Berggorilla und Sumatra-Nashorn auf der Liste der besonders gefährdeten Arten wiederfinden.“ Etwas Zorn schwingt mit in Gerhard Eichelmanns Vorwort zu „Deutschlands Weine 2019“. Frust nicht über die Weine, sondern über seinesgleichen, über Tendenzen zu Lobhudelei. „Die Inflation galoppiert. Jeder noch so banale Wein muss heute mindestens 90 Punkte erhalten.“ Nach der Präsentation der vier wichtigsten Weinführer Deutschlands wird sich der Mann des betont kritischen Weinverstandes bestätigt fühlen von einer Bewertung, die als größte Sensation in diesem Jahr gelten darf: Der „Gault&Millau-Weinguide Deutschland“ hat für einen Württemberger die Traumnote 100 Punkte ausgepackt. Für den 2011 Brut nature des Fellbacher Weinguts Aldinger. „Der ideale Partner für eine Champagner-Blindverkostung“, schwärmen die Tester. „Er ist ausgewogen, vielschichtig – einfach perfekt.“

Lob hat es für den längst ausverkauften 50-Euro-Sekt auch von den anderen drei maßgeblichen Weinführer gegeben. Auch bei „Vinum“ und „Falstaff“ blieb allerdings die Kirche quasi im Dorf, und die Wertung für den Topsekt mit Luft zur finalen Perfektion lag im Bereich von ebenfalls ehrenwerten 93 bis 94 Punkten.

Auch ohne 100er-Wertung siedelt Eichelmann das Weingut Aldinger („Wieder einmal eine starke Kollektion“) – zusammen mit dem Bönnigheimer Weingut Dautel – bei fünf Sternen in der Weltklasse an. Mit viereinhalb folgen in Württemberg die Remstäler Haidle (Stetten) und Schnaitmann (Fellbach). Und auch unter den 13 Vier-Sterne-Betrieben finden sich weitere elf aus der Region Stuttgart.

Andreas und Felix Ellwanger (rechts) mit Moritz Haidle (vorne)

Dem 2016er Lämmler Spätburgunder Großes Gewächs von Schnaitmann hat Gerhard Eichelmann den Titel Klassiker 2019 in dieser Rebsorte verliehen – er nennt ihn einen Wein mit regelmäßig hoher Qualität, „der Jahr für Jahr ein klares Profil zeigt und als Prototyp seiner Region gelten kann“. Ganz neu im Kreis derer, die Eichelmann für erwähnenswert hält, ist das Feuerbacher Weingut Rajtschan, dem der Kritiker ein „spannendes Debüt mit Highlights im roten Bereich“ bescheinigt.

Im „Gault-Millau-Weinguide Deutschland“ steht das Weingut Aldinger in Württemberg nach wie vor allein an der Spitze, mit fünf Trauben und dem Prädikat Weltklasse. Vom Dutzend der getesteten Weine liegen acht jenseits der 90-Punkte-Marke, bei der dort die ausgezeichneten (90 bis 94), herausragenden (95 bis 98) und einzigartigen Tropfen beginnen.

Jochen Beurer und Rainer Schnaitmann (rechts)

„Trocken sticht Süß“ lautet hier die Überschrift im Kapitel über die Weinregion Württemberg, verbunden mit der Kritik, dass speziell beim 2017er auffallend viele Tropfen durch hohe Restsüße auffallen. „Umso schöner, wenn Weingüter konsequent den trockenen Weg gehen – eine Philosophie, die nicht nur die Württemberger Spitzenwinzer, sondern auch viele Nachwuchsbetriebe pflegen.“

Das Strümpfelbacher Weingut Knauss ist ebenso wie das Schwaikheimer Weingut Maier in die Zwei-Trauben-Klasse aufgestiegen. Erstmals mit einer Traube dabei sind das Stettener Weingut Medinger sowie die Familie Schwarz aus Stuttgart. Und ein ganz besonderes Sonderlob gibt es für Moritz vom Stettener Vier-Trauben-Betrieb Haidle: „Wenn es für Wein einen Oscar gäbe – wir würden ihn als Erstes Moritz Haidle verleihen.“

In der neuen Ausgabe des „Falstaff-Weinguide“ findet sich eben jener Moritz Haidle ganz prominent unter den Top Drei der deutschen Nachwuchswinzer – im „Talentschuppen 2019“. „Ritz“, der Hobby-Rapper und Gelegenheits-DJ, bringe Bewegung in die traditionelle Weinkultur – „weniger neues Holz, niedrigere Alkoholwerte und mehr Säure, das ist die Erfolgsformel“.

 

Sebastian Schiller und Dennis Keifer (rechts)

Ein Quartett aus den Weingütern Aldinger, Schnaitmann (Fellbach), Graf Neipperg (Schwaigern) und Schwegler (Korb) steht hier mit fünf Sternen an der württembergischen Spitze. Der höchstbewertete Tropfen im Weinbaugebiet ist bei „Falstaff“ mit 95 Punkten der 2016 Chardonnay Reserve von Aaron Schwegler. Kommentar: „Buttrig und sehr würzig, kräftiges Holz, körperreich, reife Säure – das ist ein Tier.“

Der „Vinum-Weinguide“ hat die Stuttgarter Newcomer Dennis Keifer und Sebastian Schiller zu „Talenten des Jahres“ gekürt. Die Bewunderung gilt vor allem dem Mut, ihr Weinprojekt namens keifer-schiller-konsortium (ksk) per Crowdfunding zu finanzieren. „Was für Individualisten – bei nur ein paar Hundert Flaschen pro Jahrgang und Sorte.“ Das Kapitel über Württemberg ist hier überschrieben mit „Alles bleibt anders“. Die weiteren Stichworte: Aldinger unangefochten an der Spitze, Schnaitmanns Spätburgunder unerreicht, Jürgen Ellwanger (Winterbach) macht den besten Zweigelt Deutschlands. Der kritische Part in der „Vinum“-Weinkritik für Württemberg: „Erzeugnisse aus der zweiten und dritten Reihe werfen allerdings auch mal die Frage auf, ob man nicht für weniger Geld einen deutlich besseren Bordeaux kaufen sollte.“

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