Bilder: mahlzeit

Der junge Mann hat zuletzt mit zwei ersten Plätzen bei zwei Rotweinpreisen für Aufsehen gesorgt, jetzt legte er nach: Moritz Haidle hat dieser Tage eine Trockenbeerenauslese in den Keller gebracht, die es auf 304 Oechsle bringt. Soviel hat im Anbaugebiet Württemberg noch nie jemand geschafft.  Den bundesweiten Rekord hält Matthias Knebel von der Mosel, ein Freund von Moritz Haidle, mit 384 Oechsle.

Die Trauben von Moritz Haidle sind mit Netzen geschützt

Vorsichtig beugt sich Moritz Haidle im Nebenraum seines Weinkellers nach vorne, kneift die Augen zusammen und sagt: „Siehst du was?“ Dann plötzlich: „Da! Es arbeitet!“ Was er meint: Der Saft, den er so mühsam aus dem Weinberg erarbeitet hat, beginnt zu gären. Normalerweise für Winzer kein großes Ding, wenn aber ein solches Produkt im Glaskolben den Zucker in Alkohol umwandeln soll, dann schon. 304 Grad Oechsle sind ein Wort – und Landesrekord. Noch nie hat ein Weinbauer in Württemberg einen derart konzentrierten Traubensaft erzeugt. „Das freut mich natürlich schon wahnsinnig“, sagt Moritz Haidle, „zumal uns das auch noch mit einem Riesling gelungen ist.“

Diese Rosine wird mit der Pinzette rausgepickt.

Das Produkt nennt sich Trockenbeerenauslese, in Fachkreisen nur TBA und ist für den jungen Winzer „die große Kunst“ beim Weinbau. Mit solchen Produkten haben deutsche Winzer Weltruhm erreicht. Einen Eiswein zu produzieren sei schon etwas besonderes, aber dazu gehöre auch Glück. Bei der Trockenbeerenauslese komme es umso mehr auf die Qualität der Trauben an. Und die Arbeit ist ungleich intensiver. Für die Rekordernte war das gesamte Weingut auf den Beinen, mit knapp 30 Lesehelfern war Moritz Haidle im Weinberg unterwegs. Bewaffnet mit Pinzetten und Zeckenzangen! Denn bei dieser Art der Weinlese werden nicht die ganzen Trauben entfernt und in den Eimer geworfen, nur die verschrumpelten, rosinierten Beeren kommen ins Körbchen. An Stellen, an denen man die ganzen Beeren abgeschnitten hat, musste halt in zwei Eimer geerntet werden. „Das ergibt dann ultrawenig Ertrag“, sagt Moritz Haidle, der eine genaue Mengen gar nicht Preis geben will. „Aber es sind unter 50 Liter.“

Hier im Glasballon soll der süße Saft gären.

Als sie ihre Ausbeute betracht haben („Das hat in den Kisten richtig geklappert“), wurde ihnen fast schon mulmig. „Wir haben uns angeschaut und gefragt: Glaubsch, da kommt echt was raus?“ Es kam wenig raus, aber es kam was raus. Mit einer alten mechanischen Presse rangen sie den Rosinen die wenigen Liter ab.

Um das Ganze noch besser einordnen zu können: Die Reben stehen auf 45 Ar. „Wir haben die Fläche extra erhöht, damit wir mehr kriegen, aber dann war es sogar noch weniger, weil die Beeren noch trockener waren“, sagt Haidle, dem es vor allem wichtig ist, dass dieses Ergebnis mit Riesling gelungen ist. Mit einem Kerner wäre das Mostgewicht sicher leichter zu erreichen. „Aber es muss einfach Riesling sein, nur da steht am Ende noch die Säure dagegen.“

Mit so einer Presse wird die Kleinsmenge gequetscht,

An Mosel oder Saar werden solche Produkte schon mal für ein paar tausend Euro das 0,375-Fäschchen verkauft, oder häufiger sogar versteigert, im Remstal haben die Genossen über die Jahre fast schon Schleuderpreise aufgerufen. Bei Moritz Haidle ist die Lage hier recht einfach: Die wenigen Flaschen, die es von der TBA geben wird, werden gar nicht verkauft. Sie sind für ganz spezielle Veranstaltungen vorgesehen – und für die Schatzkammer. Denn früher hätten ihn solche Süßweine überhaupt nicht interessiert, inzwischen finde er aber Gefallen daran. „Es ist schon faszinierend, wie lange die halten und was das dann für Weine ergibt.“   Die besten und teuersten, die in Deutschland produziert werden – die einzigen mit Weltruhm.

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