Bild: Lichtgut / Julian Rettig

Über 50 Jahre war Maurizio Olivieri  ein Gastronom mit Leidenschaft. In Stuttgart bekannt wie kein zweiter Italiener. Nun macht der 73-Jährige Schluss, Maurizio Olivieri schließt sein Restaurant „Primafila“ an der Augustenstraße und geht in den Ruhestand.

Am liebsten singt er italienische Klassiker vor seinen Gästen. Oder er erzählt Witze. Gerne mehrmals denselben. Maurizio Olivieris Lieblingswitz im letzten halben Jahr war: „Mein Arzt hat mir Fango für den Rücken verschrieben.“ Da habe er gefragt: „Bringt des überhaupt was?“ Der Arzt habe ihm geantwortet: „Nein, aber da kannst du schon mal spüren, wie Erde sich anfühlt.“ Und dann lacht Olivieri ein lautes, schepperndes Lachen und schlurft davon in seine Küche.

Über 50 Jahre war Maurizio Olivieri, 73, Gastronom mit Leidenschaft. Man hätte ihm lange zugetraut, dass er einfach bis zu seinem letzten Tag durchzieht. Doch die Küche, der Service, Personalprobleme, der steigende Konkurrenzdruck in der Nachbarschaft, die Gäste bespaßen, das ist ihm langsam alles zu viel. Er brauche seine Ruhe, sagt er. Am Wochenende schließt Olivieri sein Lokal „Primafila“ an der Augustenstraße. „I bin einfach zu alt“, sagt er in seinem schwäbischen Italienisch.

Die langen Nächte stecke er nicht mehr so gut weg. Dabei sitzt er gerne abends lange in seinem Restaurant und redet mit den Leuten. Seine Stammgäste kennt er seit Jahren, mit jedem ist er per „Du“. Und wenn seine Frau Senel nachts um halb zwei im Ristorante anruft und fragt, wo er bleibe, dann flötet Maurizio Olivieri auch mal in den Hörer: „Amore, i kann noch nicht heim. Es sind zwei Ragazze zu Besuch. Mir wolle die Welt retten, aber die Merkel steht uns im Weg.“ Dann lacht er sein schepperndes Lachen, zündet sich eine Zigarette an, nimmt einen Schluck Rotwein und ist nicht einmal verlegen, dass er am Telefon ein bisschen geflunkert hat. Aber das gehört bei ihm irgendwie dazu. Er kokettiert damit und sagt dann: „I tricks halt bissle. Weil bin i Italiener oder bin i kein Italiener?“

Die kleine Lüge? Natürlich ist Politik und Weltretten kein Thema, das für Olivieri Nächte füllt. Das würde ihn langweilen. Am liebsten redet er über sein Leben, erzählt Geschichten aus seinen Lokalen und von seinen Gästen. Eros Ramazotti, Tina Turner, Roberto Blanco, überhaupt alles, was in Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur Rang und Namen hatte, ging bei ihm früher ein und aus.

Olivieri, 1944 in Rom geboren, kam mit 20 Jahren nach Deutschland, mit fertiger Ausbildung an der Hotelfachschule auf Ischia und Gastro-Erfahrung aus Paris im Gepäck. 1964 sei er am Gare de l’Est in den Zug gestiegen und nach Stuttgart gefahren. Nach einer kurzen Zeit in einer Bar in den Robinson Barracks fing er in der Trattoria Santa Lucia von Eduardo Zunico an.

Später, 1973, eröffnete er sein erstes Lokal, das „Piccolo Mondo“ in Esslingen – und etablierte sich als Gastgeber für jegliche Prominenz. Zunico bot ihm 1980 das Santa Lucia an, Olivieri übernahm, brachte seine prominenten Gäste mit und nannte es „Come Prima“ („Wie zuvor“). Dort wirkte er 26 Jahre, eröffnete nebenbei das „Pane e vino“, die Bar „E Tabacchi“ (bald Tattis) und seine „berühmte“ Piano Bar („Da sind sie Schlange gestanden.“). Doch dann war ihm alles zuviel: die Arbeit und die Finanzen. Die Olivieris verkauften alles und eröffneten ein Restaurant auf Mallorca.

Im Jahr 2014 kam das Ehepaar zurück nach Stuttgart, wo sie erst die Vereinsgaststätte am Weißenhof übernahmen; vor knapp drei Jahren zogen sie in den Westen, pachteten das Primafila. Aber ja, so schön wie früher sei es nicht mehr. „Der Geist der Zeit ist anders“, sagt Olivieri betrübt und stimmt einen italienischen Klassiker an. „War gute Zeit.“

„Promi-Italiener“ nannten sie ihn, als „schillernde Persönlichkeit“ hätte man Olivieri wohl früher bezeichnet. Das klingt heute etwas altbacken. Aber ja, er hat gerne viel gefeiert, viel getrunken und viel geredet. Und viel erlebt. „I bin der Dinosaurier der italienischen Gastronomie in Stuttgart“, sagt er . Und betont: „Ich habe viel getan für die Esskultur der Stadt.“ Und ja, Olivieri war der erste, der den Stuttgartern beigebracht hat, dass italienische Küche nicht nur Pizza Salami und Pasta Pomodoro ist. Fragen wie „Hen Sie koi Pizza? Ha sen Sie überhaupt Italiener?“ habe er ignoriert – und den Gästen lieber Lamm mit Rosmarin vorgesetzt.

Doch wem erzählt er jetzt die Geschichten von all den Prominenten? „Vielleicht schreib i ein Buch“, sagt er. 20 Seiten habe er schon. „Aber vielleicht zahlt mir jemand auch viel Geld, das ich es nicht schreibe“, sagt er und lacht wieder scheppernd vor sich hin.