Bild: Gottfried Stoppel

Das Stuttgarter Weindorf verpasst sich eine Verjüngungskur! Erstmals bespielen 18 Jungwinzer bei dem  einst eher beschaulichen Fest zwei Lauben, immer sechs zusammen. Das heißt: Vom 29. August bis zum 9. September weht ein frischer Wind über den Festplatz, auf der Terrasse bei der Alten Kanzlei, der sich in den vergangenen Jahren ohnehin als Flirttreffpunkt herauskristallisiert hat, schenken die Jungwinzer aus. Wir porträtieren für sie die jungen Wilden. Diesmal: Christoph Kern aus Kernen. 

Beim Gruppenbild stellt sich wohl niemand gerne neben ihn, Christoph Kern lässt  die meisten Nachbarn ziemlich mickrig ausschauen. Der junge Mann ist, vorsichtig formuliert, gut im Training. Und das zeigt ganz gut, wohin der Weg für den jungen Christoph Kern eigentlich gehen sollte, als Kugelstoßer schaffte er es bis in die Spitze: „Ich hatte mehr den Sport und die Musik im Kopf, der Weinbau interessierte mich eher nicht“, sagt der heute 31-Jährige.

Was vielleicht auch an der besonderen Situation des Weinguts Wilhelm Kern liegt. Denn hier gibt’s eben keine Weinberge, durch die ein Junge mit dem Großvater streifen kann, die Kerns verarbeiten die Trauben von abliefernden Betrieben. Insgesamt von 126 Hektar Weinbergen, das Weingut erreicht inzwischen also eine beachtliche Größe. Christoph Kern fand dennoch den Weg zum Wein, vermutlich weil ihn niemand gedrängt hat und er nach der Schule in aller Ruhe erst einmal seinen Zivildienst absolviert hat. Danach schaute er sich bei Praktika auf mehreren Betrieben um, Karl Haidle, Bernhard Ellwanger und Bernhard Huber zum Beispiel, und entwickelte seine Begeisterung für „die Entwicklung vom Rohstoff bis zur Vermarktung“. Von der Traube bis ins Glas, von der landwirtschaftlichen Arbeit bis zur Vermarktung.

Die berufliche Laufbahn von Christoph Kern entspricht wie das Weingut nicht ganz den üblichen  Erwartungen. Er studierte Getränketechnologie in Geisenheim mit praktischem Teil  bei der Genossenschaft St. Michael-Eppan in Südtirol, nach einer Zwischenphase im elterlichen Betrieb und einer, wie er es sagt, Ansparphase tourte Christoph Kern um die Welt, verbunden mit einem Praktikum i neuseeländischen Spitzenweingut Elephant Hill. Und nach der Rückkehr machte er noch seinen Master als Wirtschaftsingenieur, ein Auslandssemester in Istanbul und ein Praktikum bei Lidl.

Zurück im Betrieb folgte gleich der Coup. Christoph Kern brachte die Linie Kesselliebe auf den Markt. Eine Liebeserklärung an die Stadt!  Die besteht aus Flaschen, bei denen auf dem Etikett groß Kesselliebe steht und bei unterschiedlichen Sorten beispielsweise Ross Solitude (Cabernet Franc), Wasn Hasn (Samtrot) oder Feuerseepferdchen (Rivaner). Dahinter stecken ordentliche Weine verschiedenster Stilrichtung und jeweils eine Geschichte, eine kleine erfundene Sage in Reimform. Ein Beispiel: „Es war einmal ein schönes Mädchen / In einem kleinen hübschen Städtchen / Ihr größter Traum auf dieser Erde / Waren Pferde, Pferde, Pferde / Wie gern besäße sie doch eines / Ein großes lieber als ein kleines! . . . “

„Das hat voll den Nerv getroffen“, sagt Christoph Kern. Die Kesselliebe entspricht voll dem Zeitgeist. Drauf gekommen ist der junge Mann, der in Fellbach-Schmiden (Telefonvorwahl 0711) aufgewachsen ist, durch den Kontakt mit Menschen im Ausland und deren Vorurteile über Stuttgart. Der Kessel stehe für Feinstaub und Baustellenchaos und das erlebe er eben ganz anders. „Ich wollte das Negative (Kessel) mit der Liebe verbinden.“ Dazu die Geschichten mit dem Lokalkolorit, fertig war das Konzept, das er selbst ganz unbescheiden als „einfach schlüssig“ bezeichnet. Dem ist nicht zu widersprechen.

Der Lieblingswein?
Ich habe in Neuseeland und Südtirol gearbeitet, da hat’s mir der Sauvignon blanc angetan. Speziell der St. Valentin von St. Michael-Eppan.

Mit wem würden sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Da gibt’s so viele Menschen . . . aber am liebsten mit dem Firmengründer Wilhelm Kern.

Winzer oder Wengerter?
Wengerter. Auf jeden Fall.

 

Auf dem Stuttgarter Weindorf am 29. und 30 August sowie am 8. und 9. September an Stand 17