Bilder: Lichtgut / Max Kovalenko

Vom Feld in die Küche – wir ernten jeden Monat, was im Land gerade wächst. Heute: Trauben. Die eigenen sich auf der einen Seite zum sofortigen Verzehr, weshalb immer öfter auch kernarme Tafeltrauben in unserer Region angebaut werden. Aber in erster Linie wird daraus Wein gemacht.

Bohrgeräusche sind zu hören, ein Presslufthammer und natürlich der Verkehr. In Halbhöhenlage herrscht dagegen Idylle: Frank Haller stapft mit zwei Eimern voll Riesling-Trauben durch den Weinberg am Stuttgarter Kriegsberg. „Darauf arbeiten wir das ganze Jahr hin“, sagt der Wengerter über die Lese. Er lacht, weil es Spaß macht, bei Sonnenschein mit einer Erntemannschaft zwischen den Reben zu arbeiten. Aber er hat auch Ringe unter den Augen, weil die Tage im Herbst lang sind. „Es ist positiver Stress – wenn gesunde und schöne Trauben dranhängen“, sagt der 48-Jährige. Und das ist beim Jahrgang 2018 der Fall, auch wenn die Lese viel früher begonnen hat als sonst.

Gelesen wird von Hand, von 8 Uhr morgens an. Jeder ist mit einer Rebschere und einem Eimer ausgestattet, faule Beeren werden gleich aussortiert. „Soll man jemanden beim Butten ablösen?“, ruft ein junger Mann über den Weinberg. Bei der Butte handelt es sich um das Tragegefäß für den Rücken, in dem die Trauben zum Sammelbehälter beim Traktor transportiert werden. Seine drei Hektar zwischen Stuttgart, dem Cannstatter Zuckerle und Beuren im Kreis Esslingen herbstet Frank Haller mit zwei Lesemannschaften, unter der Woche hilft ihm eine Frührentnertruppe, die aus den Freunden seiner Schwiegereltern besteht, am Wochenende ist es der Bekanntenkreis. „So eine Lese hat Eventcharakter“, sagt er. Und sein Job ist es, alles zu koordinieren. Nervös macht ihn in der Phase vor allem das Wetter: Regen sorgt bei den reifen Beeren schnell für Fäule.

 

Mit einem großen Jahrgang rechnet Hermann Hohl allerdings nicht – zumindest mengenmäßig. „Der Klimawandel ist in den Weinbergen des Landes in vollem Umfang angekommen“, sagt der Präsident des Weinbauverbands Württemberg. Die anhaltende Trockenheit hat weniger Ertrag in diesem Jahr zur Folge, in einigen Regionen gibt es bei Junganlagen sogar Totalausfälle. Die Qualität des Leseguts hält er aber für gut. Die Qualität des Jahrgangs will er erst beurteilen, wenn der Wein im Keller ist. Erfreulich findet Hermann Hohl den hervorragenden Gesundheitszustand der Weinberge und Trauben. Von tierischen Schädlingen wie der Kirschessigfliege sei in diesem Jahr nichts zu befürchten – ein positiver Effekt der Hitze.

Zum Verzehr sind die Weintrauben jedoch nicht gedacht, zu diesem Zweck dürfen sie auch nicht verkauft werden. Die Früchte dürfen nur zu alkoholischen Getränken ausgebaut werden, während Tafeltrauben wiederum nicht zu Wein verarbeitet werden dürfen. Als die Politik vor rund 15 Jahren diese Entscheidung getroffen hat, hat Klaus Bauerle gleich reagiert. Auf mehr als zehn Hektar baut der Landwirt und Weingärtner auf dem Schmidener Feld bei Stuttgart Tafeltrauben an. Statt wie früher Dornfelder und Müller-Thurgau bietet er seiner Kundschaft seither die deutsche Züchtung Palatina, die französische Sorte Alphonse-Lavallée und die kernlosen Früchte Artemis an. „Trauben sind eine der beliebtesten Obstsorten überhaupt“, sagt er, „sie werden unheimlich viel gegessen.“ Weil sie so süß sind und sich die Beeren so geschickt einzeln vespern lassen, vermutet er. Außerdem würden die Früchte den Vitaminbedarf decken, bevor der Winter beginne. Vor allem die kernlosen Sorten kommen bei der Kundschaft zunehmend an.

Für seine Tafeltrauben betreibt Klaus Bauerle viel Aufwand. Um sie vor Schmutz, Vögeln und Krankheiten zu schützen, wachsen die Pflanzen unter einem Foliendach. Damit spart er sich die Anwendung von zwei der fünf erlaubten Pflanzenschutzmittel und bekommt dafür ein wenig die Wirkung eines Gewächshauses. So früh wie noch nie begann in diesem Jahr bei ihm die Ernte: Seit dem 20. August verkauft er die eigenen Tafeltrauben, bis Anfang Oktober. Rund 4,50 Euro kostet das Kilo, im Sonderangebot manchmal auch nur 2,50 Euro. „Mit Trauben kann man sehr viel machen“, sagt Klaus Bauerle und macht Werbung für die Frucht: Traubenkuchen, Traubengelee oder Nachtische verschiedenster Art.

„Ich mag Trauben vor allem vergoren“, sagt Frank Haller und lacht wieder. Er probiert ab und an ein paar Beeren zur Reifefeststellung, das reicht ihm völlig. Muskateller war in diesem Jahr als erster an der Reihe, Spätburgunder, Riesling und Zweigelt folgten. „Anfang Oktober sind wir durch“, sagt Haller über die Lese. Die Cabernet-Sorten, Lemberger und Trollinger bleiben am längsten hängen. Sobald die Trauben gelesen sind, werden sie möglichst rasch weiterverarbeitet. Die Weißen kommen entweder gleich oder nach kurzer Standzeit die Presse, die Roten bleiben vorher zwei bis drei Wochen auf der Maische liegen. Der junge Wein wird danach in Fässer oder Tanks abgefüllt. „Dann hat man erst mal Ruhe“, sagt Haller. Bis der Weingärtner seine Ernte auch finanziell einfahren kann und die Flaschen vom Jahrgang 2018 verkaufen kann, vergehen Monate und bei hochwertigsten Rotweinen Jahre.

Weinanbau

Unter den 13 Weinbaugebieten in Deutschland ist Württemberg mit seinen 11 000 Hektar nach Rheinhessen, der Pfalz und Baden das viertgrößte. Rheinhessen und die Pfalz sind mit mehr als 26 000 Hektar beziehungsweise 23 000 Hektar allerdings mehr als doppelt so groß. In Baden wird auf 16 000 Hektar Wein angebaut. Die Wengerter setzen auf Rotwein – auf mehr als zwei Drittel der Anbaufläche wachsen rote Trauben. Es ist das einzige Weinanbaugebiet in Deutschland, das mehr Rot- als Weißwein produziert. Noch heute dominiert der Trollinger: Das Nationalgetränk der Schwaben beansprucht noch immer ein Fünftel der Rebfläche. Ihm folgen der Lemberger (1700 Hektar), Schwarzriesling (1400 Hektar), Spätburgunder, Dornfelder und Samtrot. Bei den Weißen nimmt der Riesling mit mehr als 2000 Hektar den meisten Raum ein. Der Anteil von Müller-Thurgau, Kerner und Silvaner liegt bei 300 bis 200 Hektar.

Obstanbau

Laut der Landesregierung von Rheinland-Pfalz steckt „der kommerzielle Tafeltraubenanbau in Deutschland noch in den Kinderschuhen“. Dabei zählten Tafeltrauben vom Marktvolumen neben Äpfeln, Bananen und Zitrusfrüchten zu den wichtigsten Obstarten weltweit. Deutschland importiert jährlich etwa 360 000 Tonnen an Tafeltrauben, wobei der Löwenanteil mit mehr als 70 Prozent von August bis Oktober ankommt. Die wichtigsten Lieferländer sind die Mittelmeerländer Italien, Griechenland, Türkei und Spanien. Außerhalb der europäischen Reifezeit werden von März bis Mai Trauben aus Südafrika und Chile eingekauft. Es gibt sie deshalb fast das ganze Jahr über im Supermarkt. International dominieren wenige großbeerige und kernlose Sorten. „Sie werden meist intensiv mit Pflanzenschutzmitteln sowie Wachstumsregulatoren behandelt, daher kommt es bei Importtrauben immer wieder zu erhöhten Rückständen“, heißt es in dem Bericht. Im Markt für deutsche Tafeltrauben sieht die rheinland-pfälzische Landesregierung ein großes Potenzial: Die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln wird streng kontrolliert, die Transportwege sind kürzer, die Früchte frischer und das Sortenspektrum größer.

Saisonkalender

Im September wird eine reiche Ernte eingefahren – bei den Äpfeln sogar die größte Ernte seit 20 Jahren in Deutschland. Frische Birnen gibt es unter anderem, Pflaumen und Zwetschgen. Im Prinzip ist der September ein Zwischenmonat: noch ein bisschen Sommer und auch schon Herbst. Mit Gemüse direkt vom Feld kann man sich momentan sattessen. Salate kommen frisch aus der heimischen Region, viele Kohlarten wie Brokkoli oder Blumenkohl. Es gibt noch Bohnen und Erbsen, Möhren und Rettich, Rote Bete und Zuckermais.

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